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Der heilige Schein des Kapitals – Zur Metakritik der Religion & Religionskritik (2011)


„Kritik der Religion hat es im Spätkapitalismus mit einem Paradox zu tun: Die Kirchen, einst Herrn über Könige und Kaiser, sind zum Hilfsinstitut für Seelenhygiene herabgestürzt. Ihre Dome wurden zu Touristenattraktionen, ihre Prediger zu Showmastern, ihr Papst zum österlichen Grußaugust. Und doch scheint Gott sich als sentimentales Andenken an frommere Tage pudelwohl zu fühlen. Widerlegt, erledigt und entmachtet, hat sich die Religion mit ihrem Sturz nicht bloß arrangiert, sondern daraus neue Kraft geschöpft. Während im Nahen Osten, in den Banlieues oder in Berlin-Neukölln die Verdammten dieser Erde statt fürs Menschenrecht für die Ehre des Propheten streiten, verzeichnen auch die christlich-kulturindustriellen Spektakel jährlich neue Zuschauerrekorde; und wer es statt der eingeborenen Kulte lieber etwas exotischer hat, jubelt einem abgesetzten tibetanischen Feudalherrn zu. Als Sinnressource für die besonderen Momente profitiert sie vom Tabu, dass niemand über die privaten Feierabendvergnügen anderer zu spotten hat: Woran einer glaube, und sei es an Djihad, Scharia und Frauenhass, verdiene allemal Respekt. Aus dem zwanghaften Drang, an irgend etwas zu glauben, spricht freilich nichs als der Wunsch nach einem Halt, egal woran: nach unbedingter Autorität. Adorno nannte derartige Pseudoreligiosität, die von Blasphemie kaum zu unterscheiden ist, den „ungeglaubten Glauben“.

Dessen Bedeutung verfehlt die Mehrzahl derer, die lautstark gegen Kirchentage und Papstbesuche mobil machen. Antiklerikale Aktivisten inszenieren sich als militante Vorhut des allgemeinen Common Sense, und ihre intellektuellen Stichwortgeber, Christopher Hitchens oder Richard Dawkins, reduzieren in ihren Bestsellern Religion einmal mehr auf Priestertrug. Ihr Feldzug gegen religiöse Infamie erschöpft sich bloß darin, den Heiligen Schriften ihre wissenschaftliche Unhaltbarkeit vorzurechnen – ganz so, als wäre, wie noch zu Galileis Zeiten, die fehlende Einsicht in elementare physikalische Zusammenhänge die Ursache religiöser Verblendung und nicht etwa ihr Symptom. Indem sie das Denken auf Fakten, Fakten, Fakten verpflichten, bekämpfen sie jede Kritik als theologisch, welche die Verhältnisse transzendiert. Ihr Positivismus stößt sich an dem theologischen Dogma, dass das, was ist, nicht alles ist: an genau dem unbedingten Wahrheitsanspruch also, den der Materialismus zu retten hätte – vor ungläubigen Pfaffen wie vor gläubigen Atheisten.

Referenteninformation:

Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek [http://studienbibliothek.org/] und der Gruppe Les Madeleines [http://lesmadeleines.wordpress.com/]. Er publiziert in konkret, Jungle World und diversen Sammelbänden, zuletzt „Horror als Alltag. Texte zu Buffy the Vampire Slayer“ (Verbrecher Verlag). Seine Aufsatzreihe zur Kritik von Religion und Religionskritik, „Gottes Spektakel“, ist in Extrablatt Nr. 4-6 erschienen.“ (Text, Quelle & MP3: https://www.asta.tu-darmstadt.de/asta/de/node/2294 | Weitere Version des Vortrags: https://www.freie-radios.net/48852 | Auf Youtube gibt es auch noch einen Upload: https://www.youtube.com/watch?v=AuItAVuKToI | Weiterführender Artikel: http://versorgerin.stwst.at/artikel/jan-3-2012-1706/der-heilige-schein-des-kapitals)

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