Rassismus & Faschismus

[TXT] Wolfgang Pohrt: Kulturelle Identität, Defensiver Rassismus


Der Beitrag zur nationalen Einheit, den die Kultur dank ihrer stetig wachsenden Beliebtheit leisten konnte, erschöpfte sich freilich nicht darin, die Leute als Darsteller im Gesamtkunstwerk einer Menschenkette einander nur händchenhaltend näherzubringen. Was die Leute weit mehr als Gemeinsamkeit eint, ist der gemeinsame Feind, weshalb die Gründungsversammlung jeder deutschen Einheitsbewegung vor der Kardinalfrage steht, wen man rausschmeißen muß, um ein Gefühl von Gemeinsamkeit entwickeln zu können. Und wie die Kultur oder die Berufung auf sie stets ein unentbehrliches Hilfsmittel zur Identifizierung von Fremden gewesen war, so wurde sie es auch diesmal. Wenn Zimmermann begründen will, warum Türken verschwinden sollen, sagt er: „Die kommen aus einem andern Kulturkreis“, und wie er reden alle.

Selbst der offensive Rassismus des expansiven Imperialismus pflegte unter dem Deckmantel einer Doktrin aufzutreten, die schamhaft nur den qualitativen Unterschied zwischen den verschiedenen Kulturen heraushob und es der Phantasie des informierten Zeitungslesers überließ, sich den Rest selber zu denken, denn in dieser veredelten Form war der Rassismus auch Bildungsphilistern und Schöngeistern bekömmlich. Die Herrenrasse hatte sich in dieser Doktrin zum Kulturvolk geläutert, eine Vokabel, die neuerdings wieder im Wortschatz patriotischer Mythenbildnern wie Werner Herzog auftaucht. Während die Herrenrasse nur mordet oder plündert, erfüllt das Kulturvolk in Ausübung derselben Tätigkeit eine Mission und begreift sich als Bringer und Geber. „Kolonialpolitik zu betreiben, kann unter Umständen eine Kulturtat sein“, grübelte der Sozialdemokrat Bebel 1906, und ein Jahr später pflichtete ihm Genosse Bernstein bei: „Eine gewisse Vormundschaft der Kulturvölker über die Nichtkulturvölker ist eine Notwendigkeit, die auch Sozialisten anerkennen sollten.“

Schärfer umrissen, durchdachter und klarer formuliert schon damals das Bildungsprogramm der Konservativen: „Unsere Kultur drängt dahin, die außereuropäischen Länder durch europäische Kultur zu beherrschen“, hieß es in einer Propagandabroschüre der Kolonialbewegung, und „Das Problem Neger auf eine höhere Kulturstufe zu heben, kann nur durch Arbeit geschehen“ – ein Vorgriff auf die Parole „Arbeit macht frei“, die später in großen Lettern von den Toren der Vernichtungslager prangen sollte, und gleichzeitig als verunglückte Satzkonstruktion ein Dokument des kulturellen Überflusses, den mit den armen Wilden zu teilen das Anliegen auch der Sozialdemokraten war.

Ihre vielseitige Verwertbarkeit in der politischen Propaganda verdankt die Kultur zwei Eigenschaften, einerseits ihrem Abgrenzungs- und Ausgrenzungsvermögen, andererseits ihrer Unbestimmtheit. Das Abgrenzungsvermögen braucht Erkennungsdienst, um den Fremden oder den Feind, in jedem Fall das Opfer, eindeutig identifizieren zu können. Unbestimmtheit ist erforderlich, damit die eindeutige Identifizierung nach Willkür und Belieben vorgenommen werden kann. Die Kultur als ein Ding, von dem jeder gern spricht und von dem keiner genau sagen kann, was es eigentlich ist, hat deshalb auf der politischen Bühne stets die Rolle eines Wandschirms gespielt, hinter den die Akteure traten, um das Kostüm, die Feinde, die Verbündeten, die Fronten zu wechseln. Gleichzeitig war der Kultursektor die Drehscheibe, auf welche man die öffentliche Diskussion schob, um ihre Inhalte und ihre Richtung nach Maßgabe der Opportunität zu verändern unter Beibehaltung der Illusion, es werde noch immer nach Vernunftsgründen entschieden, wo in Wahrheit der Instinkt und die Reflexe die Orientierung gaben. In Tönung, Färbung und Richtung der Kulturdebatten spiegeln sich die wechselnden Konstellationen materieller Interessen.

Während der expansive Imperialismus des letzten Jahrhunderts gezwungen war, den kulturellen Unterschied zu seinen Gunsten zu werten, um sich selbst als überlegenen Bringer und Geber betrachten zu können, kann der defensive, vornehmlich an Besitzstandswahrung interessierte Imperialismus der Gegenwart sich die Selbstbeweihräucherung sparen. Die nichtwertenden Variante der Lehre von der Ungleichheit der Kulturen genügt ihm, weil auch sie den fließenden Übergang der Lehre von der Ungleichheit der Rassen enthält. Beiden gemeinsam ist der Trick, die von Land zu Land verschiedenen Sitten und Gebräuche der Menschen einfach zu Wesensmerkmalen von Völkern aufzufassen. Als Wesensmerkmale wiederum sind die verschiedenen Sitten, Bräuche und Eigenschaften der Leute nicht mehr erklärungsbedürftig, sondern sie sind selbst der erklärende Grund für alles und jedes.

Erst unter der stillschweigend mitgedachten Voraussetzung nämlich, daß die Kultur in genauer Umkehrung des marxistischen Schemas von Basis und Überbau als geistige Grundlage von Macht und Reichtum, nicht als ihr Anhängsel, mißverstanden wird, kann die Nebensache Kultur zu einer Hauptsache werden, die das Interesse einer breiten Öffentlichkeit zu fesseln vermag. Erst dann wird die Banalität, daß in anderen Ländern andere Sitten herrschen, zum bedeutungsschwangeren und folgenschweren Grundsatz der Erkenntnis vertieft.

Der simple Zweck der komplizierten Konstruktion besteht darin, die zufälligen eigenen materiellen Privilegien, die man im Prinzip so leicht verlieren kann, wie man sie bekam, als Abkömmlinge unverlierbarer kultureller, ethnischer, völkischer und in letzter Instanz stets rassischer Wesensmerkmale deklarieren zu können. Als Anknüpfungspunkt für die Gedankenfäden, die den vergänglichen irdischen Besitz mit dem unvergänglichen Wesen verknüpfen, um jenen zu sichern, wird eine Identität gebraucht. Die neuerdings grassierende Seuche nach derselben hat keinen anderen Grund als das Elend in der Dritten Welt: Es darf bloß kein Zufall sein, daß man nicht in den Slums von Rio oder Bombay zur Welt kam.

Voraussetzung für Identität aber ist der Unterschied. Sich diesen einzuhämmern, war der verborgene Zweck jener grenzenlosen Verachtung der eigenen Kultur und rückhaltlosen Bewunderung der fremden, die dem nationalen kulturellen Wiedererwachen voranging. Die Schwärmerei für Fern-Ost und Wild-West, für Bhagwan und Wigwam, für die Andersartigkeit der Exoten ganz allgemein sollte den Schwärmern vor allem eines beweisen: daß nichts als höchstens ihr Mitgefühl sie mit dem Elend in der Dritten Welt verbindet.

(Wolfgang Pohrt, Kulturelle Identität, Defensiver Rassismus, in: Konkret 04/1984, S.66)

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