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Einführung in die Kritische Theorie


„Mit­ma­chen woll­te ich nie…“ Leo Lö­wen­thal, von dem diese Worte stam­men, bringt damit tref­fend das fun­da­men­ta­le Miss­trau­en zum Aus­druck, mit dem die kri­ti­sche Theo­rie der ge­gen­wär­ti­gen Ge­sell­schaft be­geg­net. Ist dies doch eine Ge­sell­schaft, die den Men­schen ein­zig und al­lein als dis­po­ni­ble Größe zur Aus­pres­sung von Mehr­wert kennt und die ihr An­de­res, Natur, rein als Ge­gen­stand einer krä­mer­se­li­gen Vor­stel­lung von Nütz­lich­keit be­trach­tet. Diese Ver­hält­nis­se, in denen Mensch und Natur glei­cher­ma­ßen er­nied­rig­te und ge­knech­te­te, ver­ächt­li­che und ver­las­se­ne Wesen sind, um­zu­stür­zen, steht im Zen­trum aller An­stren­gung von kri­ti­scher Theo­rie. Und in­so­fern be­greift sie sich auch als die theo­re­ti­sche Seite der Be­frei­ung der Mensch­heit aus Ohn­macht und Ge­walt.

Das ist al­lein mög­lich, weil kri­ti­sche Theo­rie die Men­schen als die Pro­du­zen­ten ihrer ge­sam­ten ge­sell­schaft­li­chen Le­bens­for­men be­greift, Ge­sell­schaft also als al­lein durch mensch­li­che Tä­tig­keit ge­wor­den und so auch als fun­da­men­tal ver­än­der­bar ver­steht. In die­ser grund­sätz­li­chen his­to­risch-​ma­te­ria­lis­ti­schen Weise knüpft kri­ti­sche Theo­rie an ihre Be­grün­der, Karl Marx und Fried­rich En­gels, an, geht zu­gleich aber über sie hin­aus. Der Vor­stel­lung etwa von der grund­stür­zen­den Macht des Pro­le­ta­ri­ats, we­sent­li­che Hoff­nung noch bei Marx und En­gels, be­geg­net sie äu­ßerst re­ser­viert. Der Sta­lin­sche Ter­ror zum einen, die Er­mor­dung der Juden in Eu­ro­pa zum an­de­ren steht im Hin­ter­grund der skep­ti­schen Hal­tung. Dies aber mar­kiert kei­nen Bruch, son­dern be­zeugt nur das Selbst­re­fle­xiv­wer­den von kri­ti­scher Theo­rie. In an­de­ren Wor­ten ist die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft ohne Marx nicht zu be­grei­fen; mit Marx al­lein aber ist die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft eben­so wenig zu be­grei­fen.

Diese Wen­dung fin­det dann ihre Zu­spit­zung in der von Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no ge­mein­sam ver­fass­ten Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, in der nun nicht mehr die ka­pi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se al­lein Ge­gen­stand der Kri­tik ist, son­dern die abend­län­di­sche Kul­tur ins­ge­samt. Damit aber, und das macht die Ak­tua­li­tät die­ses Den­kens aus, damit ist uns die Mög­lich­keit er­öff­net, her­aus­zu­tre­ten aus der immer noch selbst­ver­schul­de­ten Un­mün­dig­keit in ein ‚Reich der Frei­heit‘, in dem, so Ador­no, die Ge­walt gegen Mensch und Natur glei­cher­ma­ßen end­lich auf­hö­ren.

Dirk Leh­mann hat So­zio­lo­gie stu­diert und ar­bei­tet ge­gen­wär­tig über den Be­griff der Na­tur­be­herr­schung der Kri­ti­schen Theo­rie.  (Text & Quelle: Association Critique / Vortrag als Mp3: Audioarchiv / Soundcloud)

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