Literaturhinweise

Der Wahnsinn der Normalität


Es ist ein Akt des Selbstverrats, wenn das Kind das Bewußtsein für sein eigenes Selbst zu verlieren beginnt. Dieser Prozeß setzt damit ein, daß das Kind die Gefühle von Vater und Mutter nicht mehr unmittelbar wahrnimmt, sondern sich danach richtet, wie diese sich selbst sehen. Solch eine „Anpassung“ an die elterlichen Machtbedürfnisse führt zu einer Spaltung in der psychischen Struktur des Kindes. Es trennt seine Innenwelt von seinen Interaktionen mit der Umwelt. Damit gehen der Zusammenhang und die Wechselwirkungen zwischen Handlungen und Motivationen verloren. Um teilhaben zu können an der Macht, die das Kind unterwirft, ersetzen Gehorsam und Anpassung die Verantwortung für das eigene Handeln.

Hat man den Bezug zum eigenen Inneren verloren, dann kann man sich nur auf ein verfälschtes Selbst beziehen: auf das Image, das sich an bestimmtem Verhalten und an Gefühlslagen orientiert, die der Umwelt gefallen. Das Bedürfnis und vielleicht auch der Zwang, ein solches Image aufrechtzuerhalten, bemächtigen sich all dessen, was die eigenen Wahrnehmungen und die eigenen Gefühle und Mitgefühle hätten sein können. Die Unfähigkeit, in sich selbst zu wurzeln, ruft zerstörerisches und böses Verhalten hervor.

Unter allen Lebenwesen scheint der Mensch das einzige zu sein, das um der Zerstörung willen zerstört – als Selbstzweck, wie es der finnische Psychoanalytiker Martii Siirala nannte. Während etwa Sigmund Freud oder Erich Fromm das Zerstörerische des Menschen entweder in einem a piori vorhandenen Todestrieb oder in nekrophilen Bestrebungen sehen, die auf analen oder ödipalen Fehlentwicklungen basieren, glaube ich, viele Anzeichen dafür gefunden zu haben, daß das zerstörerische und tödliche Handeln des Menschen in dem Verrat begründet ist, den er um der Teilhabe an einer halluzinierten Macht willen an sich selbst begangen hat. Da dies aber nicht ein „höheres“ Schicksal ist, sondern der einzelne an seiner eigenen Untwerferung mehr oder weniger bewußt mitgewirkt hat, entsteht ein lebenslanger Selbsthaß. Das Schreckliche einer solchen Entwicklung liegt darin, daß dann nur noch Zerstörung das Gefühl des eigenen Lebendigseins vermittelt. […]

Der Wahnsinn, der sich selbst überspielt und sich mit geistiger Gesundheit maskiert. Er hat es nicht schwer, sich zu verbergen, in einer Welt, in der Täuschung und List realitätsgerecht sind. Während jene als „verrückt“ gelten, die den Verlust der menschlichen Werte in der realen Welt nicht mehr ertragen, wird denen „Normalität“ bescheinigt, die sich von ihren menschlichen Wurzeln getrennt haben. Und diese sind es, denen wir die Macht anvertrauen und die wir über unser Leben und unsere Zukunft entscheiden lassen. Wir glauben, daß sie den richtigen Zugang zur Realität haben und mit ihr umgehen können. Aber der „Realitätsbezug“ eines Menschen ist nicht der einzige Maßstab, um seine geistige Krankheit oder Gesundheit festzustellen, sondern man muß auch fragen, inwieweit menschliche Gefühle wie Verzweiflung, menschliche Wahrnehmungen wie Empathie und menschliches Erleben wie Begeisterung möglich oder eliminiert sind. […]

Wenn man das eigene Selbst zurückgewiesen hat, weil es die eigene Machtposition gefährdet hätte, beginnen Rachegefühle das Leben zu bestimmen. Man besteht darauf, dafür geliebt zu werden, anderen Schmerzen zuzufügen, was nicht selten sogar als Wohltätigkeit ausgegeben wird. (Hatte man nicht früher die Eltern dafür zu lieben, daß sie einem Schmerzen bereiten, denn sie hatten doch nur das Beste für einen im Sinn?) Ein abgespaltenes Selbst kann sich nicht mit der eigenen Unterwerfung und Kollaboration auseinandersetzen, daher muß die Behauptung der Eltern, daß ihre Forerungen aus Liebe kamen, akzeptiert und verteidigt werden. Im Namen solcher elterlichen „Liebe“ und „Fürsorge“ etabliert sich die Macht über andere Menschen. […]

Noch immer wird statt menschlicher Substanz das äußere Erscheinungsbild gefördert, wird Anpassung statt innerer Unabhängigkeit belohnt. Heute geben sich diese Voraussetzungen mehr denn je den Schein von „Humanität“ und „Menschenfreundlichkeit“. Das Schreckliche versteckt sich immer öfter hinter lächelnden Mienen und kommt als Freundlichkeit scheinbar rücksichtsvollen Verhaltens daher. Daher ist es schwieriger geworden, die tatsächliche Krankheit unserer Zeit zu erkennen. […]

Die Logik der Aufteilung menschlichen Seins in Kategorien und Fächer dient nur dazu, unsere Zweifel an unserer Ganzheit zu verstärken und uns unsicher zu machen. Unsere Ganzheit aber gründet auf dem, was uns unser Gefühl und unser Herz sagen. Die Sprache des Herzens kommt aus den tiefen Bedürfnissen nach Liebe und Wärme, die man sowohl geben als auch empfangen möchte. Unsere Zivilisation aber hat uns ängstlich gemacht und versetzt uns in Scham, wenn wir uns verwundbar fühlen. Die Sprache der „Realität“ verspricht uns Erleichterung von der „Last“ unserer Bedürfnisse, was uns bereit macht, unseren eigenen Wahrnehmungen nicht mehr zu trauen. Daher ist unsere einzige Rettung die Sprache des Herzens. Die Spaltung muß überwunden werden, indem man sich nicht der Logik einer vorgeblichen „Realität“ anschließt, sondern auf der eigenen Fähigkeit zum Mitgefühl, zum Erleben von Leid und Freude insistiert. […] (Arno Gruen – Vorwort aus dem Buch „Der Wahnsinn der Normalität“)

1 reply »

  1. „Unter allen Lebenwesen scheint der Mensch das einzige zu sein, das um der Zerstörung willen zerstört“

    Da musste ich an ein Video denken, in dem eine Gruppe junger Menschenaffen Spaß daran hatte einem Weibchen das Junge zu Rauben, Tod zuschlagen und es der Verzweifelten Mutter immer wider hin zu halten um sich an ihrer Verzweiflung zu ergötzen.
    Die Interpretation, es handele sich um ein Zeichen von Intelligenz hat mich nicht richtig überzeugt, das ist nur insofern ein Zeichen für Intelligenz, das es zeigt das ihr Geist so Komplex ist, das sie die Abschlachtung der halben Sippe durch mit Sturmgewehren Bewaffneten Wilderern nicht verarbeiten konnten und dieses verhalten eine Reflexion ihres gestörten inneren war.
    Dies Individuen werden ihren Kindern eine neue Realität Lehren, eine Kalte in der ein leben nicht viel wert ist…..

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