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Linke Interventionen in die Arbeitswelt – Gestern & heute


Tausende linke Studierende sind in den frühen 70er Jahren in den Fabriken gegangen, um die Revolution zu beschleunigen. „Wir sind an den Universitäten an unsere Grenzen gestoßen und haben in den Betrieben ein wichtiges politisches Potential gesehen“, beschrieb Peter Bach seinen Beweggrund, den Campus mit der Fabrik zu vertauschen. Kurz nachdem er bei Ford angestellte worden war, begann ein großer Streik, der vor allem von Kollegen aus der Türkei getragen wurde. Bach, der damals Maoist war, gehörte zu der Minderheit der deutschen Kollegen, die den Arbeitskampf von Anfang unterstützte. Nachdem der Streik niedergeschlagen wurde er entlassen, konnte damals aber mühelos bei einem anderen Betrieb anheuern. Er wurde aktiver Gewerkschaftler und ist mittlerweile verrentet. Bach gehörte zu den nicht wenigen jungen Akademiker_innen, für die Fabrikintervention kein kurzer Ausflug sondern eine Lebensentscheidung geworden. Mehrere von ihnen hat der Berliner Politikwissenschaftler Jan Ole Arps in seinen vor einigen Monaten im Verlag Assoziation A herausgegebenen Buch „Frühschicht – Linke Fabrikintervention in den 70er Jahren“ vorgestellt. Auf der Berliner Veranstaltung begründete sein Interesse am Thema aktuell-politisch. Er habe sich unter anderem im Euro-Mayday-Bündnis engagiert, die versuchen, heute in Arbeitskämpfe einzugreifen.

„Die Bedeutung, die in den 70er Jahren noch die Fabrik hatte, spielt im Berliner Stadtteil Neukölln für viele Menschen das Jobcenter“, erklärte Florian, der sich in einer Untersuchungsgruppe zu diesen Orten engagiert. Nach dem Vorbild der militanten Untersuchungen, die in den 60er Jahren in Italien zur Untersuchung der Fabrikverhältnisse entwickelt wurden, fragen die Aktivist_innen nach dem Verhalten der Sachbearbeiter_innen, der Bewilligung von Anträgen und dem allgemeinen Klima. Viele Erwerbslose fühlen sich schikaniert, nicht ernst genommen, monieren die lange Bewilligungszeit von Anträgen. Migrantische Erwerbslose klagen auch über rassistische Bemerkungen. Allerdings stellt Florian auch fest, dass die Bereitschaft sich langfristig für eine Veränderung der Situation am Jobcenter zu engagieren, bei den meisten Betroffenen gering ist.

Die Veranstaltung zeigte, dass es eine breite Palette von Interventionen in Arbeitskämpfe gibt. Dabei wurde deutlich, dass auch in Bereichen, die als schwer oder gar nicht organisierbar gelten, Ansätze einer Selbstorganisation möglich ist, wie die Beispiele der Ansätze bei den Honorarkräften und Praktikant_innen oder bei der Erwerbslosen zeigen. Damit wird einmal mehr deutlich, dass es völlig fatal wäre, den Auseinandersetzung in der Arbeitswelt keine Bedeutung mehr zuzuschreiben, wie es in Teilen auch der außerparlamentarischen Linken praktiziert wurde. Ein anderer Fehler, der ebenfalls zu vermeiden ist, wäre die Klassenkämpfe lediglich als Fabrikkämpfe zu sehen und damit zu vergessen, dass innerhalb der Arbeitswelt heute die Fabrik in vielen Teilen nicht mehr die zentrale Bedeutung wie noch in den 70er Jahren haben. In manchen Stadtteilen übernimmt heute das Jobcenter diese Rolle. Der gesamte Pflege- oder Carebereich mit oft schlechter Bezahlung, von denen noch immer häufig Frauen betroffen sind, wächst und verlangt neue Formen der Organisierung. Honorarkräfte und Praktikant_innen gibt es nicht mehr nur im Bildungsbereich. Auch hier müssen neue Formen der Sebstorganisation gefunden werden und das genannte Beispiel lädt zur Nachahmung ein. Es gab auch direkte Fragen in dieser Richtung während und nach der Veranstaltung. Dass auch die in der traditionellen Sichtweise als Kernbereiche der Lohnarbeiter_innenklasse geltenden Sektoren große Probleme haben, ihre Interessen zu vertreten, wurde am Beispiel der ausgesperrten Lokführer_innen deutlich. (Quelle & Veranstalter: Fels + Jenseits des Helfersyndroms + FAU Berlin + KlassenkampfblockText bzw. Weitere Infos: Indymedia / Assoziation A / TAZ)

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