Bildung

Hannah Arendt: Die Krise der Erziehung


Anlass ist die von ihr konstatierte Krise in der Erziehung in den Amerika, die nur „ein besonderer Aspekt der allgemeinen Krise“ (S. 255) sei. Diese Krise sieht sie als Chance, etwas Neues zu entwickeln. Arendt weist auf die besondere Rolle der Erziehung für die Vereinigten Saaten als Einwanderungsland hin: „… es ist offensichtlich, daß die ungeheuer schwierige, nie ganz und doch immer über Erwarten glückende Einschmelzung fremdester Volksteile nur über die Schulen, die Erziehung und Amerikanisierung der Kinder der Einwanderer vonstatten gehen kann.“ (S. 256)

In den USA ist, so Hannah Arendt, das Erziehungsideal von Rousseau beeinflusst, der Erziehung als ein Mittel der Politik und die politische Tätigkeit selbst als eine Form der Erziehung verstand. (S. 257) Im Idealfall sei Erziehung ein Akt des Überzeugens, der jedoch auch scheitern könne. Für jede Generation stelle sich die Frage der Erziehung erneut. In Diktaturen versuchen die Machthaber, insbesondere die Kinder zu manipulieren. Erwachsene hingegen sollen und können laut Arendt nicht erzogen werden. „Wer erwachsene Menschen erziehen will, will sie in Wahrheit bevormunden und daran hindern, politisch zu handeln. (S. 258) Als Beispiel führt sie die Probleme in den Südstaaten der USA an. Hier sei versucht worden, den Weißen Toleranz gegenüber Farbigen „beizubringen“. Dies konnte nicht gelingen, da die (mehrheitlich weißen) Erwachsenen versuchten, ihre eigenen Probleme durch die Kinder zu lösen. Sie selbst waren nämlich vom Wert der Toleranz nicht überzeugt und erzogen auch ihre Kinder nicht in diesem Sinne.

Im weiteren Verlauf geht Hannah Arendt auf die, wie sie ausführt, „radikale Wende“ der Erziehung in den USA ein, die ungefähr 1933 stattfand. Die „progressive education“ hat „alle bewährten Lehr- und Lernmethoden über den Haufen geworfen.“ (S. 259) Dadurch wurden „alle Regeln des gesunden Menschenverstandes beiseite“ geschoben. Hinzu kamen die Auswirkungen der Massengesellschaft auch auf den Erziehungsbereich.

Arendt weist kurz darauf hin, dass die Gleichheit bzw. die „equality of opportunity“ (Chancengleichheit) in den USA Grundlage der Pädagogik ist. Dies führt dazu, dass alle Kinder die High School besuchen und erst im College die Vorbereitung auf das Studium erfolgt. Der College-Lehrplan sei (1958) aus diesem Grund völlig überfrachtet. Es finde in den USA keine Auswahl der Besten in der Schule statt. Da alle gleich sein „sollen“, wird auch der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen, „vor allem zwischen Schüler und Lehrer nach Möglichkeit“ (S. 261) verwischt. Dies geschehe auf Kosten der Begabten und auf Kosten der Autorität des Lehrers.

Sie fährt fort, dass zur Erklärung der Krise in der Erziehung noch speziellere Faktoren herangezogen werden müssen und nennt „drei ruinöse Grundüberzeugungen“, die zur Krise in der Erziehung führen. Erstens sollen die Kinder sich möglichst selbst verwalten. Dabei ist die Kindergruppe zum einzelnen Kind wesentlicher „tyrannischer, als die strengste Autorität einer einzelnen Person [es] je sein kann. (S. 262) Das Resultat ist „Konformismus auf der einen Seite und Haltlosigkeit auf der anderen Seite.“ (S. 263) Die zweite Überzeugung betrifft das Lehren. Der Pragmatismus und die moderne Psychologie, auf denen laut Arendt das Erziehungssystem beruht, führen dazu, dass sich alles schwerpunktmäßig auf das Lehren konzentriert habe. Vernachlässigt wurde die Fachausbildung der Lehrkräfte. Dies hat einen „Autoritätsverlust“ der Lehrkräfte zur Folge, wenn diese dem Lernenden im Stoff nur wenig voraus seien und dies mit dem Verzicht auf Zwangsmittel einhergehe. Die dritte „ruinöse Grundüberzeugung“ sei die Grundthese des Pragmatismus, „dass man nur wissen und erkennen könne, was man selbst gemacht habe …“ (S. 264) So wird das „Lernen“ durch „Tun“ und das „Arbeiten“ durch „Spielen“ ersetzt. Dadurch werden die Kinder in einer „künstliche Kinderwelt“ belassen und nicht auf die Erwachsenenwelt vorbereitet. Die Erkenntnis dieser drei Grundfehler ruft die analysierte Krise in der Erziehung hervor. (Quelle: Archiv der Zukunft / Text: Wikipedia)

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