Armut

Prof. Dr. Huisken über die Gleichgültigkeit gegenüber den Ursachen von Gewalt



Warum „Jugendgewalt“ eine Ideologie ist und vernünftige „Gewaltprävention“ nicht geht. Über die Gleichgültigkeit gegenüber den Ursachen von und den Zwecken der Gewalt (Von Prof. Dr. Freerk Huisken)

„Gewaltbereitschaft“ – Ist eine Fiktion

Wer Gewalt unterbinden will, die von Kindern und Jugendlichen ausgeht, wer sich der Gewaltprävention, Gewaltintervention oder Gewalt-„postvention“ verschrieben hat, der wird mit der Frage konfrontiert, woher „die Gewaltbereitschaft“ von Kindern und Jugendlichen rührt. Und wer dieser Frage nachgeht, der wird mit einer Fülle von disparaten Erklärungen konfrontiert, die sich z.T. gar widersprechen: da ist vom Aggressionstrieb die Rede, von einem sozialdarwinistischen Verhaltensmuster oder von einer Frustrationsverschiebung; da wird die Gewaltbereitschaft auf Imitation zurückgeführt, auf widrige soziale Umstände oder auf Manipulation. So sehr sich diese Erklärungen auch wechselseitig durchkreuzen oder ausschließen, ihnen ist eines gemeinsam: Immer werden die gewalttätig gewordenen Kinder und Jugendlichen als Produkt innerer oder äußerer Verhältnisse vorgestellt; immer wird behauptet, sie würden getrieben, seien determiniert oder durch diese Verhältnisse auf Verhaltensmuster festgelegt – so als würde sie irgendetwas zu Gewalttaten drängen, als würde sich inhalts- und grundloses Gewaltbedürfnis bei ihnen Bahn brechen und sich „unschuldige“ Opfer suchen.

Diese Konstruktion behauptet einen Sachverhalt, den es nicht gibt. Nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kinder und Jugendlichen ist Gewalt nie für sich der Zweck, sondern immer ein Mittel, das sie mit ihren Gründen einsetzen und das sie zur Durchsetzung bestimmter – zwangsläufig roher – Anliegen benutzen. Wenn Erwachsene Kinder mit Schlägen bestrafen, wenn sie eine Bank überfallen, wenn Männer Frauen Gewalt antun, wenn Polizisten Demonstranten mit Schlagstöcken auseinandertreiben und Ausländer abschieben, oder wenn Soldaten zum Töten in den Krieg geschickt werden – immer gilt es als selbstverständlich, dass Gewalt für gebilligte oder nicht gebilligte Zwecke eingesetzt wird. Und immer ist der Zusammenhang von Ursache, Zweck und Mittel eindeutig erkennbar: Wenn Eltern etwa ihre Kinder mit Prügel für Ungehorsam bestrafen, dann war der Ungehorsam die Ursache der Strafaktion, die Bestrafung für Ungehorsam der Zweck und die Tracht Prügel das dafür von Eltern für passend erachtete Mittel. Wenn eine Bank überfallen wird, dann ist Geldarmut die Ursache, Aneignung von fremdem Geld der Zweck und die Drohung mit bzw. der Einsatz Gewalt das eingesetzte Mittel. Und wenn die USA den Irak militärisch überfallen, dann weiß jedermann ebenfalls den Krieg als Mittel für den Zweck der Absetzung von Saddam Hussein anzugeben; und auch die Ursache des Krieges – die irakische Führung hat einfach nicht freiwillig Land, Leute und Öl an die USA ausgeliefert – ist inzwischen kein Geheimnis mehr.

Und das soll bei gewalttätigen Kindern und Jugendlichen anders sein? Kinder sollen für ihre Rohheiten weder einen Grund haben, noch einen Zweck wissen? Zwar mag es manchmal sein, dass Anliegen bzw. Zweck irgendeines gewalttätigen Übergriffs nicht unmittelbar erkennbar sind. Wenn etwa ein Jugendlicher „aus heiterem Himmel“ einen anderen anrempelt und die bewusst provozierte Gegenreaktion zum willkommenen Anlass nimmt, den Gerempelten zu verprügeln, dann wird nicht selten die „Sinn- und Grundlosigkeit“ daran festgemacht, dass der andere ihm doch nichts getan hat. Dabei ist dieser Zusammenschluss gänzlich unzulässig. Als ob Gewalt immer nur die „gerechte Strafe“ oder zumindest die „verständliche Gegenreaktion“ auf irgendeine Schädigung ist, die der Schläger zuvor erlitten hat. Was hat denn die Frau dem Manne „getan“, der sie vergewaltigt? Natürlich nichts. Sie ihm nur nicht zu Willen. Und – um gleich drei Etagen höher zu springen – was hat der Saddam Hussein den USA „angetan“? Ebenfalls nichts, abgesehen davon, dass er nicht freiwillig den Irak unter USA-Aufsicht gestellt hat. Eine Unterlassung kann also ebenso der Grund für den Einsatz von Gewaltmitteln sein; sogar eine solche Unterlassung, die deswegen freiwillig gar nicht vollzogen werden kann, weil sie gar nicht als Anspruch formuliert worden ist. So verhält es sich nämlich bei dem angerempelten Jungen: Getan hat der dem „Schlägertypen“ wirklich nichts. Nur hat er es unterlassen, dem Rohling per Unterwerfungsgesten mitzuteilen, dass er ihn für den Größten, Coolsten und Stärksten hält. Er hat es unterlassen, besser: er konnte gar nicht anders, als es zu unterlassen, weil er gar nicht wusste, was da für ein Anspruch auf ihn zukommt (und wahrscheinlich wusste dies sein Gegenüber bis kurz vor dem Zusammentreffen selbst noch nicht). Das ist kein Zufall, denn um ihn und seine Person ging es gar nicht. Er selbst war für den anderen nur gleichgültiges Material für den Zweck, für sich selbst und für andere per Einsatz seiner überlegen Physis den Beweis anzutreten, dass es sich bei ihm einfach um einen coolen Siegertypen handelt.

So gesehen geht es also bei gewalttätigen Kindern und Jugendlichen nicht anders zu als in der gewaltträchtigen Welt der Erwachsenen. Da wird mit Schlägen in der Schulklasse eine Beleidigung gerächt, für neue „Machtverhältnisse“ auf dem Schulhof oder auf der Straße gesorgt; Skins sehen in Ausländern und in „undeutschem Gesindel“ eine Gefahr für ihre deutsche Heimat, Gangs türkisch-stämmiger Jugendlicher kehren denselben Spieß um und Hooligans erkämpfen stellvertretend für ihre Fußballheimat Siege gegen fremde Fans.

Sprachdenkmal „Jugendgewalt“

Die Erfindung grund- und zweckloser Gewalt von Kindern und Jugendlichen hat im Begriff „Jugendgewalt“ ihr Sprachdenkmal gefunden. Dieser Begriff will zwischen den Gründen und Anliegen von Schülern, die vom Anerkennungswahn „angetrieben“ sind, von Skins, deren Rassismus gewalttätige Formen annimmt, und von Hooligans, die ihren Lokalfaschismus im Namen ihres Heimatvereins betreiben, nicht mehr unterscheiden. Alles ist eben „Jugendgewalt“ und interessiert die entsprechenden Wissenschaftler bzw. Praktiker allein als Abweichung von dem, was sich hierzulande für Kinder und Jugendliche gehört. Dieser theoretische (Polizei-)Standpunkt entdeckt immer nur das gleiche: Diese Kinder und Jugendlichen entsprechen nicht dem Idealbild von – deutscher – Jugend, unterwerfen sich nicht den Normen für Ordnung und Anstand und halten sich nicht ans Gesetz. Doch was weiß man eigentlich über das Tun und Treiben solcher Kinder und Jugendlichen, wenn über sie nur vermeldet wird, dass sie etwas Gewünschtes nicht tun? Über ihr positives Handeln weiß man nichts! Was diese Kinder und Jugendlichen anstellen, welche Gründe sie dafür haben, welche Zwecke sie damit verfolgen, wie sie auf diese ihre Anliegen gekommen sind und warum ihnen die Gewalttat als Mittel zur Interessendurchsetzung so einleuchtet – all das lässt der Begriff „Jugendgewalt“ im Dunkeln. Offensichtlich ist also auch nur von Interesse, am Verhalten von Jugendlichen die „Abweichung“, die „Devianz“, die „soziale Auffälligkeit“ festzuhalten. Jugendforschung verkommt damit der Sache nach zur Polizeiwissenschaft, die in wissenschaftlicher Form allein dem Interesse zuarbeitet, dass die Jugend sich gefälligst den für sie gültigen Regeln zu unterwerfen hat.

Auch der in der einschlägigen Literatur vorgeschlagene Gewaltbegriff belegt diese Gleichgültigkeit noch einmal eindrucksvoll. Wenn es etwa heißt, das „Gewalt eine Verhaltensform ist, die zu persönlicher Schädigung führt“, oder wenn D.Olweus über Gewalt nur noch tautologisch zu vermelden weiß, dass sie dann vorliegt, wenn jemand „über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer“ ausgesetzt ist, dann ist man sich nicht sicher, ob da von Steuereintreibung die Rede ist, vom Verlust des Geldbeutels, von der Verteilung schlechter Noten durch den Lehrer oder von einem Unfall. Jede Erinnerung daran, dass Gewalttaten irgendetwas mit unversöhnlichen Anliegen – welcher Art auch immer – zu tun haben müssen, dass folglich Gewalt das Mittel dafür ist, rücksichtslos gegenüber dem fremden Willen den eigenen zur Geltung zu bringen, ist von geringem Interesse. Wie sollte es auch anders sein – wo es allein um die Unterbindung der gewalttätigen Form der Verfolgung eines Anliegens mit seinem brisantem Inhalt geht, letzterer aber von minderem Interesse ist.

Zwangsläufig verfehlen denn auch alle praktischen Handlungsanleitungen zur Unterbindung von Gewalt, die von diesen Erklärungsmustern ausgehen, die Sache.

Gewalt lässt sich nur unterbinden – soviel steht jetzt schon fest -, wenn man deren Ursachen ermittelt hat. Und den Ursachen der Rohheiten von Kindern und Jugendlichen kommt man nur auf der Spur, wenn man erstens die Gründe und Zwecke untersucht, für die Gewalt als Mittel eingesetzt wird, und wenn man zweitens der Frage nachgeht, wieso solche Kinder und Jugendlichen von der Legitimität und Tauglichkeit des Mittels Gewalt überzeugt sind – wo doch Gewalt gegen Personen hierzulande moralisch geächtet und per Gesetz verboten ist. (Weiterlesen / Vortrag als MP3)

Kategorien:Armut, Bildung, Online Universität, Staat, Wissenschaft, Zitate

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