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Die Gesellschaft des Weniger: Der Niedergang des Sozialen und die Ratlosigkeit der Soziologie


„Es gibt einen Zwang zum Weniger. Und wie wir mit diesem Weniger umgehen, müssen wir eben zunehmend selbst entscheiden, nach unserer eigenen Kenntnis- und Finanzlage. Heute ahnen Eltern, dass es ihren Kindern vermutlich nicht besser, sondern schlechter gehen wird. Umso mehr beschäftigen sie sich mit deren Zukunft. Über die Gesellschaft des Weniger hat kaum jemand nachgedacht. Da muss auch die Soziologie passen. Selten ist die Soziologie fantasievoller als die Gesellschaft. “ Diese These des Soziologen Ulrich Beck, geäußert in einem Interview in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ im August 2003, lässt Ratlosigkeit erkennen.

Die Sozialwissenschaften wissen offenbar nicht mehr weiter. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte es ganz anders geklungen. Zwar kreierte Ulrich Beck schon Mitte der 80er Jahre den Begriff der „Risikogesellschaft“, so der Titel seines bekanntesten Buches. Aber darin sah er vor allem Chancen und Möglichkeiten für den Einzelnen, sein Leben bewusst selbst zu gestalten, also ein Mehr an Freiheit zu gewinnen. Heute hat sich vielfach die erhoffte Freiheit der Lebensplanung in Zukunftsangst verwandelt. Und oft sind die Gründe nachvollziehbar. Die Soziologie war phantasievoll, solange es mit der Marktwirtschaft immer weiter voranzugehen schien. Da wurde eine Zukunftsgesellschaft nach der anderen erfunden: die Dienstleistungsgesellschaft, die Freizeitgesellschaft, die Informations- und die Wissensgesellschaft. Die Risikogesellschaft klang schon ein wenig bedrohlicher, aber Ulrich Beck sah trotz aller Gefahren überall das Wirken der „Gegengifte“, so der Titel eines weiteren Buches von ihm. Der Zukunftsoptimismus, der in allen Risiken zuerst die Chancen sehen wollte, hatte allerdings eine klammheimliche Voraussetzung. Denn welche neue Gesellschaft soziologische Phantasie auch immer aus dem Ärmel zog, stets war die stumme Bedingung enthalten, dass es sich um eine Gesellschaft des Mehr handeln musste. Die Phantasie entweicht wie die Luft aus einem angestochenen Ballon, wenn plötzlich eine „Gesellschaft des Weniger“ auf die Tagesordnung gesetzt wird.

„Weniger“ gut und schön, aber weniger von was? Weniger Werbung in den Medien, weniger Informationsmüll, weniger Nullaussagen der Politiker, weniger Lobbyismus? Darauf wird man lange warten und wohl vergeblich warten. Weniger Militärinterventionen, weniger Streubomben, weniger Hungertote in der Dritten Welt? Weniger Klimakillerfaktoren? Vergessen wir es. Weniger Wachstum, weniger Export, weniger Produktivitätssteigerung? Gott behüte uns. In Wahrheit ist die weltumspannende totale Marktwirtschaft eine Gesellschaft des unersättlichen Mehr. Und zwar strukturell, wie man so schön sagt. Es ist eine Gesellschaft mit einem eingebauten automatischen Imperativ der Ökonomie, der permanente Erweiterung, Erhöhung und Beschleunigung verlangt. Dieser ökonomische Imperativ hat auf alle Lebensbereiche abgefärbt. Wir denken in Wachstumsraten, Leistungssteigerungen, Weltrekorden. Ein Weniger ist da nicht vorgesehen. (Text & Quelle: SWR / Mehr von Robert Kurz bei Exit oder dem Audioarchiv / Text der Sendung als PDF-Datei)

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