Zitate

Günther Anders – Arbeit macht nicht frei


Der Betrieb ist also der Ort, an dem der Typ des ‚medial gewissenlosen’ Menschen hergestellt wird; der Geburtsort des Konformisten. Der dort geprägte Mensch braucht nur in einen anderen Aufgabenkreis, in einen anderen ‚Betrieb’ versetzt zu werden, und plötzlich wirkt er, ohne sich wesentlich zu verändern, monströs; plötzlich erfüllt er uns mit Grausen; plötzlich nimmt die Suspension seines Gewissens, die schon zuvor ein fait accompli gewesen, das Aussehen nackter Gewissenlosigkeit, die Suspension seiner Verantwortung das der nackten ‚moral insanity’ an. Solange wir dieser Tatsache nicht ins Auge blicken, also nicht erkennen, dass der heutige Betrieb die Schmiede, der Arbeitsstil das Vorbild der Gleichschaltung ist, bleiben wir unfähig, die Figur des konformistischen Zeitgenossen zu verstehen; also zu verstehen, was es mit jenen ‚verstockten’ Männern auf sich hatte, die sich in den erwähnten Prozessen weigerten, ihre ‚mit-getanen’ Untaten zu bereuen oder zu verantworten.

[…]

Im Nebenzimmer wäscht der Fensterputzer meine Fenster – was gehen ihn meine Fenster an? Und was die Fenster der anderen, die er morgen und übermorgen, froh darüber, nicht arbeitslos zu sein, putzen wird? Was geht die Wäscherin meine Bettwäsche an? Und die ihrer morgigen und übermorgigen Kunden? Wenn ich bedenke, dass die meisten sich eine andere Art von Arbeit schon gar nicht mehr wünschen, gar nicht mehr wünschen dürfen oder sollen oder können! Und dass sie nicht nur alle froh darüber sind, diese jobs zu haben, weil diese Nichtarbeitslosigkeit bedeuten, dass viele von ihnen sogar ihren Stolz darein setzen, diese sie nichts angehende Arbeit, also diesen ‚Zeitverlust’, so ‚getreulich’ und so ‚freudig’ wie möglich zu verrichten, so als wäre dies doch ‚ihre’ Arbeit.

[…]

Statt sich des alten und soliden Wortes ‚Arbeiter’ zu bedienen, sprachen sie ausnahmslos von ‚Arbeitnehmern’. Wenige heutige Ausdrücke sind so rücksichtslos demaskierend wie der Ausdruck ‚Arbeitnehmer’. Er stammt natürlich von den Arbeitgebern. Und da Geben seliger ist als Nehmen, fällt auf den dem Ausdruck ‚Arbeitnehmer’ entsprechenden Ausdruck ‚Arbeitgeber’ sogar ein gewisser religiöser Schimmer. In meiner Jugend gab es nur Arbeiter. Die wussten, was sie galten, wie sie sich ausgaben und was ihnen genommen wurde. Und der Schlachtruf: ‚Arbeitnehmer aller Länder, vereinigt euch!’ wäre ungehört verhallt. Auch die Arbeiter hatten natürlich ans ‚Nehmen’ gedacht, d.h. sie waren darauf bedacht, soviel Lohn zu kriegen wie möglich; und die sozialistischen unter ihnen auch darauf, die Produktionsmittel zu nehmen. Aber auf den Gedanken, sich die Arbeit, die sie ja (sofern sie nicht arbeitslos waren) ohnehin hatten, bzw. die sie hatte, zu nehmen, auf den Gedanken wäre natürlich keiner gekommen. Heute dagegen empfinden viele ihre neue Firmierung, die ja durch die falsche Bezeichnung dessen, was es zu nehmen gilt, den totalen Verzicht auf das ehemalige Ziel besiegelt, als ehrenvoll. Offenbar haben sie auf Grund der neuen Etikette das stolze Gefühl, sich wirklich etwas genommen zu haben und wirklich einen Gipfel erstiegen zu haben: nämlich den Gipfel der Sozialpartnerschaft. Dass es sich dabei um den kümmerlichen Gipfel des Godesberges handelt und nicht um den Gipfel, den ihre Großväter vor hundert Jahren im Auge gehabt haben, das spüren sie nicht nur nicht, das wollen sie auch nicht spüren. (Zitiert aus Die Antiquiertheit des Menschen (PDF) via Gruppe Krisis)

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