Wissenschaft

Philosophische Gedanken über die Utopie


„Die Utopie existiert nicht“, so Frédéric Rouvillois, denn sie ist ein Nichtort – das zumindest bedeutet das Wort im Griechischen -, der sich im Spannungsfeld von Traum und Hoffnung bewegt. Die Umsetzung der Hoffnung ist allerdings zugleich ihre Überwindung – paradoxerweise bedeutet demnach die Realisierung einer Utopie ihr Ende. Dennoch muss eine Utopie keine vage Vision sein, es kann sich genauso gut um einen konkreten Gesellschaftsentwurf handeln.

Die Utopisten der Vergangenheit entwarfen überwiegend ideale Stadtstaaten, die sich durch eine geradezu geometrische Ordnung auszeichneten, die geplant war und nicht organisch gewachsen. Der Wunsch nach Perfektion drückte sich darin aus, dass das Leben der Menschen bis ins kleinste Detail geregelt war. Auf den Vorreiter aller Utopien, die „Utopia“ von Thomas Morus beziehen sich alle weiteren Autoren, von Francis Bacon, der mit „Neu-Atlantis“ eine technophile Gesellschaft konzipierte, bis hin zu Tommaso Campanella, dessen „Sonnenstaat“ eine sexuell streng reglementierte Theokratie darstellt.

Enthoven und sein Gast Rouvillois diskutieren die Beweggründe der Utopisten genauso wie ihre Ängste. Ist die Idee, die menschliche Natur zu verbessern ein Zeichen für Angst vor der „wilden“ Natur und Ausdruck des Strebens, diese zu kontrollieren? Und ist der Mensch nicht aufgrund seiner Mittelmäßigkeit zum Scheitern verurteilt? Manchmal, wenn das ersehnte Paradies Wirklichkeit wird, wird es zur Hölle. Der Kontroll-Hang der utopischen Gesellschaften kann umschlagen in das, was seit Orwell als Big-Brother-Phänomen bekannt ist.

In „1984“ verwandelt sich das menschliche Vollkommenheitsstreben in einen Alptraum, in dem kein Platz für Individualität mehr ist. Genauso zeichnet Aldous Huxley in „Brave New World“ ein erschreckend hellsichtiges Bild einer vollständig durchreglementierten, gleichförmigen Welt, einer Dystopie. Im letzten Jahrhundert liefen diese Anti-Utopien den positiv ausgerichteten Utopien à la Morus den Rang ab.

Auf der Suche nach wahr gewordenen Utopien streift die Debatte den gescheiterten Kommunismus, dann kommt das Gespräch auf die reelle Stadt Palmanova, deren Form die einer perfekten Festung ist, die jedoch in jeder anderen Hinsicht eine Stadt wie jede andere ist. Und in Dubai triumphiert der Mensch scheinbar über die Natur, aber die gigantischen Luxusbauten sind ein Paradies für Reiche, keine verwirklichte Utopie, in der alle gleich sind. Ist das Fortschrittsideal heute noch haltbar? Oder sind Utopien wirklich nur Träume?

Studiogast ist der Professor für öffentliches Recht an der Universität Paris V, Frédéric Rouvillois, der sich auf Staatsrecht sowie Ideen- und Repräsentationsgeschichte spezialisiert hat. Er promovierte über den Ursprung des Fortschrittsgedankens und die Rolle des utopischen Denkens. Außerdem veröffentlichte er zahlreiche Aufsätze über rechtliche und politische Fragen. (Text & Quelle: Arte)

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