Filmhinweise

Klaas



Der letzte größere Amoklauf war am 08. April 2011 in Brasilien, war erstaunlicherweise kaum in den Medien.

In einen empfindlichen Bereich der politischen Korrektheit begibt sich Ilmar Raag mit seinem Film, eine sich über sieben Tage erstreckende und in ebenso viele Kapitel geteilte Geschichte über zwei Amokläufer. Der gewagte Schritt besteht darin, Amokläufer und Opfer als eins darzustellen. Anders wie Gus van Sants Elephant vermeidet dieser Film den Arthouse-Look und entscheidet sich für einem dem Thema naheliegenden, dokumentarischen Kamerablick.

Der Film ist gleichzeitig eine Studie der Gewalt und ihren Entwicklungen innerhalb von Gruppen von Jugendlichen, dort also, wo Persönlichkeiten und Identitäten sich erst kristallisieren. Klass steht für die Klasse, die unter der radikalen Persönlichkeit des Prüglers Anders (Lauri Pedaja) nach und nach im Verlauf des Films nicht mehr aus Schülern besteht, sondern zu einer kompakten Masse wird, mit dem einzigen Zweck, Joosep (Pärt Uusberg), durch Prügel und sich bis ins Unmenschliche steigernde Demütigungen, klarzumachen, dass er ein Freak sei. Ein einziges Individuum, Kaspar (Vallo Kirs), sticht aus dieser Masse heraus und versucht den anderen ihre Ungerechtigkeit klarzumachen, und das wird zu seinem Ende führen.
Sehr direkt und schonungslos knüpft Klass an dem Nationalsozialismus ähnlichen, martialischen Verhältnissen an, und lässt eine Gemeinschaft den Nichtangepassten offiziell abstoßen. Ein zunächst in sich geschlossenes Universum der Gewalt entfaltet sich über seine Grenzen hinaus und greift in die zuerst noch als anders erhoffte Welt der Autorität der Erwachsenen ein, klarmachend, dass Joosep, weil er ein Freak ist, nicht anders behandelt werden darf.

Wie Haneke in Funny Games, zieht Ilmar Raag alle vorhandenen Register, um eine sehr intensive, sehr schwer auszuhaltende Dramaturgie zu entwickeln. Einerseits durch den dokumentarischen Blick der Kamera verstärkt, andererseits durch die sichtbar unerfahrenen, aber glänzenden jungen Schauspieler, die einen ungeheuer realen Raum um sich schaffen, wagt Klass den perversen Schritt, den Zuschauer in dei Lage zu bringen, mit dem tragischen Ende zu sympathisieren.

Natürlich reicht eine Woche nicht, um ein solches Ausmaß an Folgen auszulösen. So werden Geschehnisse dargestellt, die sich kaum mehr im Rahmen des Möglichen befinden. Wie etwa den überspitzten Humor der Lehrer oder ihre Rücksichtslosigkeit manchem Schüler gegenüber. Oder das so sehr in sich geschlossene Universum der Klasse, zu der Joosep gehört, dass alle Einflüsse von außen vor den ungeschriebenen Gesetzen dieses kleinen Systems einfach verschwinden. Ebenso die Kommunikation, die nie zustande kommt, die vor allem als Ausdruck einer vermeintlichen Persönlichkeit der Schüler nichts anderes zu bieten hat als einen Leerraum, den die Klasse als gewalttätige Einheit ungeheuerlich füllt.

Klass ist einer der packendsten Filme, die in diesem Frühjahr auf DVD erscheinen, der es unheimlich präzise versteht sich nicht nur an all seinen zur Verfügung stehenden Mitteln, sondern auch an der Rezeptionskultur des Zuschauers zu bedienen, um einen radikalen Akt beinah manipulativ zu erklären. So, dass es am Ende nur Freude bringt, die Worte Kaspars zu hören, nachdem er mehrere Schüler erschossen hat: „Ich sterbe nicht. Euch zum Trotz. Ich sterbe nicht.“ (Text: Negativ Film)

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