Religion

Sie hat sich benommen wie eine Deutsche: Hatun Aynur Sürücü


Am 7. Februar 2005 wurde mitten in Berlin auf offener Straße die 23-jährige Kurdin Hatun S. durch drei Schüsse in den Kopf getötet. Wenige Tage später verhaftete die Polizei drei ihrer Brüder. Der Verdacht: Sie sollen den Mord begangen haben, weil ihre Schwester gegen die Ehre der Familie verstoßen habe. Hatun S. hatte schon Jahre zuvor das Kopftuch abgelegt, sie kleidete sich wie ihre Berliner Freundinnen und lebte viele Monate mit einem deutschen Freund zusammen. Die Familie hatte ihren Lebenswandel missbilligt, nach den Ermittlungen der Polizei sollen ihre Brüder sie in den Jahren zuvor bedroht und auch misshandelt haben.

Die Geschichte der Familie S. ist die Geschichte einer gescheiterten Integration. Vor 32 Jahren war Vater Kerem S. mit seiner Frau Hanin aus einem ostanatolischen Dorf nach Deutschland gekommen. Der heute 64-Jährige, der in einer Bäckerei arbeitete, spricht trotzdem kaum ein Wort Deutsch. Die Familie, so wird es später der Richter Michael Degreif ausdrücken, lebe „seit Jahren in Kreuzberg, aber nicht wirklich in Deutschland“.

Mit seiner Frau zeugte der gläubige Moslem zehn Kinder und wohnte, streng nach Geschlechtern getrennt, in vier Zimmern in Berlin-Kreuzberg. Als Hatun die achte Klasse des Gymnasiums besuchte, nahm der Vater das Mädchen von der Schule und verheiratete sie in der Türkei mit einem Cousin. Doch die selbstständige Hatun floh schwanger zurück nach Berlin, wo sie ihren Sohn gebar und eine Lehre als Elektroinstallateurin machte.

Die Motive für den Mord scheinen deutlich auf der Hand zu liegen. Die Ehre der Familie schien durch das Leben der jungen Türkin verletzt worden zu sein. Doch zu verstehen ist ein solches Motiv für Deutsche nicht: Der muslimisch-patriarchale Familienverband gibt Regeln vor, denen sich die Mitglieder zu fügen haben. Nicht das Individuum steht im Mittelpunkt dieser ungeschriebenen Gesetze, sondern die Gemeinschaft der Familie. Diese Regeln werden zu einem großen Teil religiös hergeleitet – oft auch aus einem falschem Verständnis des Korans. In Sure 24, Vers 2, heißt es: „Wenn eine Frau und ein Mann Unzucht begehen, dann verabreicht jedem von ihnen hundert (Peitschen-) Hiebe! Und lasst euch im Hinblick darauf, dass es (bei der Scharia) um die Religion Gottes geht, nicht von Mitleid mit ihnen erfassen, wenn ihr an Gott und den jüngsten Tag glaubt!“

Nach extremer Auslegung des Korans sei die Tat nicht verwerflich. Hatun lebte gegen Religion und Tradition und dieses bedurfte einer Strafe. Eine besondere Rolle spielt hierbei ihr Sohn. Im Prozess gab der Täter Ayhan an, dass er gehofft habe, den Sohn Hatuns vor dem schlechten Einfluss seiner Mutter bewahren zu können. In der muslimischen Familie trägt das Familienoberhaupt die Verantwortung, dass alle Mitglieder nach den Regeln des Korans leben. „Musste Hatun vielleicht nicht nur sterben, weil sie „wie eine Deutsche“ lebte, sondern auch, weil sie einen Sohn hatte, der davor bewahrt werden sollte, ein Ungläubiger zu werden? “ fragte die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.04.2006.

Hatun spürte das wachsende Interesse ihrer Familie an ihrem Sohn. Wenige Wochen vor ihrem Tod bat sie eine Freundin dafür zu sorgen, dass wenn ihr etwas zustoßen sollte, ihr Sohn Can niemals von ihrer Familie großgezogen werde . Doch der Familienclan will den letzten Willen der Tochter missachten. Eine Schwester der Ermordeten will das Sorgerecht für den Sechsjährigen beantragen, der zurzeit bei einer Pflegefamilie lebt.

Dass die Familie eine strafrechtlich relevante Mitverantwortung für die Ermordung Hatuns trägt, konnte das Gericht nicht beweisen. In der Urteilsbegründung ist zu lesen, es sei nicht „verlässlich zu klären“ gewesen, „ob Angehörige an der Tat beteiligt waren“. Das Berliner Landgericht verurteilte am 13. April 2006 den jüngsten Bruder zu 9 Jahren und drei Monaten Jugendhaft – die Höchststrafe für einen geständigen Jugendlichen. Die beiden älteren Brüder wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Die Anklage hat Revision beim Bundesgerichtshof angekündigt.

Zu dem Zeitpunkt als Hatun von ihrem Bruder ermordet wurde, befand sich der Vater auf einem Familienfest in der Türkei. Als er vier Tage nach der Tat zurückkam, schenkte er seinem Sohn Ayhan, dem Mörder seiner Tochter, eine goldene Uhr – in türkischen Familien ein Zeichen der Anerkennung. Kurz nach der Tat rechtfertigten junge Türken an einer Berliner Schule den Mord mit den Worten, „sie habe gelebt wie eine Deutsche“.

Doch neben dieser Geschichte einer gescheiterten Integration gibt es auch eine Tatsache, die Mut machen kann. Dass der Mord an Hatun aufgeklärt werden konnte, ist nur einer achtzehnjährige türkischen Freundin und deren Mutter zu verdanken. Sie hatten der Polizei von den Drohungen gegen Hatun erzählt – nun leben sie in einem Zeugenschutzprogramm an unbekanntem Ort. (Text: 3sat)

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