Filmhinweise

Dogtooth


Die Abschottung von der bösen Welt, der Rückzug ins Private und die totale Isolation ist für Diktaturen oft der letzte Weg, um das Unrechtsregime gegen das Gift des Niedergangs zu wappnen. Das kann man derzeit im Iran ebenso beobachten wie in Nordkorea oder anderswo. In Giorgios Lanthimos verstörendem Film Dogtooth / Kynodontas, der in Cannes den Hauptpreis der Reihe „Un certain regard“ erhielt und der auch auf dem Filmfest München gezeigt wurde, ist die Diktatur, um die es dabei geht, eine private, die die Mitglieder einer Familie vor den Anfechtungen der Außenwelt beschützen soll. Doch die Verweise auf die Politik sind unübersehbar.

Kaum etwas erfährt man über die Familie, um die es in diesem Film geht, weder den Namen des Vaters (Christos Stergioglu), der Mutter (Michelle Valley) oder der drei nahezu erwachsenen Kinder (Aggeliki Papoulia, Mary Tsoni und Hristos Passalis) noch den Wohnort. Und ebenso wenig erklärt wird das seltsame Verhalten der Eltern, die ihre Kinder in einer Art Gefangenschaft halten. Um ihre Kinder von allen schädlichen Einflüssen der Außenwelt abzuschirmen, dürfen die Kinder das Haus nicht verlassen und lernen über Kassetten eine eigene Sprache, die nahezu allen Dingen neue Namen und Bezeichnungen gibt. Gemeinsam vertreiben sich die Kinder die Zeit mit merkwürdigen Spielen und leben in der Hoffnung, das Gefängnis verlassen zu dürfen, wenn sie einen Eckzahn verlieren – so wurde es ihnen von ihren Eltern versprochen.

Die einzige Verbindung zur Außenwelt besteht in Christina (Anna Kalaitzidou), einer jungen Sicherheitsangestellten in der Firma des Vaters, die sich dazu bereit erklärt hat, den erwachenden sexuellen Regungen des Sohnes Abhilfe zu schaffen. Doch was als Triebabfuhr und –regulierung gedacht ist, wird das strenge Gefüge der Familie immer mehr ad absurdum führen. Denn durch Christina bahnt sich die Außenwelt den Weg in den Familienverbund. Und als Christinas Besuche enden, suchen die „Kinder“ nach einem Ausweg aus der Gefangenschaft. Denn obwohl sie kaum etwas von der Welt da draußen wissen, spüren sie, dass ihr Leben kein normales ist…

Beklemmend und rätselhaft wirkt Dogtooth, der zweite Filme des griechischen Regisseurs Giorgos Lanthimos: Die starren Kameraeinstellungen, der emotionale Kälte und Regungslosigkeit, mit der der Film vom Inzest unter den Geschwistern, von der radikalen Unterwerfung der Kinder unter den Willen der Eltern, von Manipulation und seelischer Grausamkeit in ihrer perfidesten Form nüchtern berichtet, der grimmige Humor, der immer wieder die Absurdität der Situation in grotesken Szenen einfängt und die eruptiven, meist autoaggressiven Gewaltausbrüche – all dies ist eigentlich denkbar spröde eingefangen und übt doch eine ganz eigene Faszination aus, der man sich nicht entziehen kann. (Text: Kino-Zeit)

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